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Überforderte Frau am ArbeitsplatzFoto: Canva | eternalcreative

27.02.2026 ● Jörg Wiebking (dpa)

Vorsicht vor Perfektionismus und Überverantwortung

Im Job übermäßig Einsatz und Sorgfalt zu zeigen, fühlt sich oft erst mal gut an. Das Verhalten kann aber Folgen haben – für Gesundheit und Karriere. Wie kommt man da wieder raus?

Manche Berufstätige fühlen sich für alles zuständig: für Fehler im Team, das Wohlbefinden der Kolleginnen und Kollegen, für Ergebnisse oder Ereignisse, die sie nur teilweise beeinflussen können. Warum ist das so? Welche Signale zeigen mir, dass ich übertreibe? Und wie gelingt es, sich von übermäßiger Verantwortung abzugrenzen? Eine Karriereberaterin und ein Psychologe geben Antworten.

Wann handle ich übertrieben verantwortlich?

Verantwortung zu übernehmen, ist grundsätzlich gut, sagt Psychologe Nils Spitzer. Wer so handelt, will Gutes bewirken oder Schaden verhindern. „Das ist eigentlich das Gegenteil von Egoismus“, erklärt Spitzer, der ein Buch zum Thema Verantwortung geschrieben hat.

Doch wie bei vielem, was gut ist, können Menschen es übertreiben. Übertriebene Verantwortung beschreibt Spitzer als „die stabile Neigung, sich in belastend vielen Situationen Verantwortung aufzubürden“. Dafür gebe es zwei typische Signale: „Sie übernehmen Aufgaben außerhalb Ihrer Zuständigkeit, oder Sie erledigen Dinge übergründlich, weit über alle Sorgfaltsstandards hinaus.“

Woran erkenne ich, dass ich im Job zu viel Verantwortung übernehme?

Zu viel Verantwortung zu übernehmen, habe praktische Folgen im Beruf, sagt Spitzer: Wer zur Überverantwortung neigt, mischt sich ständig in fremde Arbeitsbereiche ein und braucht unverhältnismäßig viel Zeit für seine übergroße Sorgfalt.

Dabei sei ein übertriebenes Verantwortungsgefühl im Berufsleben keine Seltenheit, sagt Heidi Steinberger, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. „Viele halten das lange für normal. Es fühlt sich richtig an und wird Teil der beruflichen Identität.“

Offensichtlich wird das Muster häufig erst dann, wenn das gute Gefühl in Frust oder Zynismus umschlägt. „Betroffene haben dann das Gefühl, dass immer alles an ihnen hängen bleibt“, so Karriereberaterin Steinberger.

Was treibt dieses Verhalten an?

Ein übertriebenes Verantwortungsgefühl wurzelt in der Persönlichkeit, erklärt Spitzer. Häufig steckt ein „moralischer Perfektionismus“ dahinter – die Überzeugung, immer verantwortlich handeln zu müssen.

Auch eine „Kontroll-Illusion“ kann eine Rolle spielen: „Ich kann es richten – also muss ich es tun.“ Diese Denkweise beruhe auf der falschen Annahme, dass Handlungsmacht automatisch Verantwortung bedeutet. Hinzu kämen oft ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und ein geringes Selbstwertgefühl. Der Job und das Arbeitsumfeld können dieses Verhalten begünstigen, vor allem durch unklare Aufgaben, Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse, sagt Steinberger.

„In modernen Arbeitsstrukturen wie Matrixorganisationen sind Verantwortlichkeiten oft nicht so eindeutig, was zu Orientierungslosigkeit und dem Druck führt, alle zufriedenstellen zu müssen“, sagt die Karriereberaterin. Besonders anfällig seien Tätigkeiten mit vielen Schnittstellen, etwa in der Projektleitung.

Geschäftsfrau überwältigt vom Arbeitsstress im Büro
Wer meint, alles selbst und perfekt machen zu müssen, ist schnell gestresst und kommt abends nicht pünktlich raus. Foto: Canva | wattanaracha

Welche Folgen kann das haben?

Spitzer warnt vor den typischen Folgen: Anspannung und chronischer Stress. „Man trägt mehr Verantwortung, arbeitet intensiver und ist nie sicher, ob es reicht.“ Langfristig könne das zu einem Burn-out führen, zu Zwangsstörungen, Angststörungen und Depressionen.

Im Job sei Überverantwortung zudem nicht gerade der Karriere förderlich, so Steinberger. Kollegen oder Vorgesetzte könnten es als störend oder grenzüberschreitend empfinden. Zudem schaffen Betroffene oft eine Erwartungshaltung, die ihnen schadet: „Der übermäßige Einsatz zuverlässiger Mitarbeiter wird schnell als selbstverständlich angesehen“, sagt Steinberger. „Selbst wenn sie an ihre Grenzen stoßen, erhalten sie keine Entlastung.“

Welche Strategien helfen gegen Überverantwortung?

Im Berufsalltag hilft es, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, so Spitzer: „Ist das wirklich mein Zuständigkeitsbereich – oder glaube ich das nur?“ Auch die eigenen Standards sollte man prüfen: Welche Sorgfaltsmaßstäbe gelten hier tatsächlich – was ist gut genug? Wichtig sei es vor allem, positive Erfahrungen zuzulassen: „Man sollte Aufgaben gezielt an andere abgeben und wahrnehmen, dass deren Ergebnisse auch funktionieren, selbst wenn sie die Aufgabe anders erledigen“, so der Experte.

Heidi Steinberger empfiehlt, sich selbst zeitliche Puffer zu gewähren: „Man sollte nicht jede Aufgabe sofort übernehmen, sondern bewusst entscheiden, ob sie wirklich dringend ist. Das gibt anderen die Chance, sich einzubringen.“ Betroffene müssten zudem nicht alle Probleme allein lösen. Die Karriereberaterin sieht auch Arbeitgeber in der Pflicht: Bei unklaren Rollen und Verantwortlichkeiten sollten Mitarbeiter eine Klärung einfordern, etwa im Gespräch mit der Führungskraft.

Hilfreich sei zudem, Aufgaben, Zuständigkeiten und Termine im Team schriftlich festzuhalten – sowohl die eigenen als auch die der anderen. „Das entlastet den Kopf und reduziert den inneren Druck, alles kontrollieren zu müssen.“

Wann ist professionelle Hilfe nötig?

Ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein selbst zu zügeln, ist oft schwer. Gerade wer sich ständig für alles verantwortlich fühlt, stößt schnell an seine Grenzen. Spitzer rät: „Wenn Sie merken, dass die Überverantwortung Sie belastet und Leid verursacht, sollten Sie Hilfe suchen. Dieses Muster lässt sich in einer Therapie meist gut verändern.“

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