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Junge Frau weint am ArbeitsplatzFoto: Canva | djiledesign

19.05.2026 Anke Dankers (dpa)

Wie viel Gefühl verträgt der Job?

Viele halten Gefühle im Job für unprofessionell. Dabei beeinflussen sie Entscheidungen, Beziehungen und Leistung. Wie viel Emotion ist erlaubt – und wie lässt sie sich steuern?

Da ist die Wut über einen unvorbereiteten Kollegen. Jubelsprünge nach einem gelungenen Projektabschluss. Oder Tränen nach harscher Kritik. Emotionen gehören zum Arbeitsalltag. Gleichzeitig gelten große Gefühlsausbrüche schnell als unprofessionell. Wie finden Berufstätige einen guten Umgang? Zwei Expertinnen geben Antworten auf zentrale Fragen.

Wie beeinflussen uns Emotionen am Arbeitsplatz?

Emotionen haben einen großen Einfluss auf uns – im positiven wie im negativen Sinne. „Positive Emotionen können uns gut energetisieren und unsere kognitive Flexibilität fördern“, sagt Myriam Bechtoldt, Psychologin und Professorin für Leadership an der EBS Universität. „Sie erhöhen unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit und erleichtern es uns, neue Informationen aufzunehmen und Zusammenhänge zu erkennen.“

Auch bei Entscheidungen und zwischenmenschlichen Beziehungen spielen Emotionen eine wesentliche Rolle. „Studien zeigen, dass beispielsweise eine vor Publikum sprechende Person in der Regel keinen weiteren Kontakt zum Publikum haben möchte, wenn es keinerlei emotionale Resonanz gezeigt hat“, so die Professorin.

Emotionen können auch problematisch werden – meist dann, „wenn wir uns unbewusst von ihnen beeinflussen lassen“, sagt Bechtoldt. „Fühlen wir uns schlecht, erinnern wir uns deutlich leichter an Dinge aus der Vergangenheit, die auch schon einmal schiefgegangen sind.“ Unsere Stimmung färbe also ein, welche Informationen wir erinnern und wie stark wir diese gewichten.

Sollten wir starke Gefühle am Arbeitsplatz zeigen?

„Das kommt auch auf den Kontext an“, sagt Annette Auch-Schwelk. Die Coachin hat ein Buch zum Umgang mit starken Gefühlen geschrieben. Ein sich ärgernder Fußballtrainer gelte beispielsweise für viele als energetisch und kraftvoll und werde eher positiv bewertet. Ein um sich schlagender Unternehmensvorstand hingegen gelte eher als schlechtes Beispiel in Sachen Souveränität.

„Wir leben in einer Kultur, die eine sehr ambivalente Haltung zu Emotionen hat“, sagt Myriam Bechtoldt. Oft werde Professionalität mit Rationalität und Emotionsfreiheit verbunden, obwohl wir emotionslose Menschen gleichzeitig unsympathisch finden. „Das ist absurd. Wir sollen zwar auch im Arbeitskontext Emotionen zeigen, aber nur so lange sie sich im positiven Bereich des Spektrums bewegen und nicht zu intensiv sind. Alles andere empfinden wir als unprofessionell“, so die Expertin.

Gar nicht so leicht, das richtige Mittelmaß zu finden. „Wichtig ist, sich selbst zu beobachten: Wann habe ich welches Gefühl? Wie oft kommt es vor? Und was löst das Gefühl bei mir aus?“, rät Annette Auch-Schwelk. Dabei gelte es, bewusst zu differenzieren, sagt Myriam Bechtoldt. „Es ist ein Unterschied, ob ich wütend oder frustriert bin; diese Gefühle haben unterschiedliche Ursachen, deshalb brauchen wir auch unterschiedliche Strategien, um mit ihnen umzugehen."

Erschöpfter Arzt lehnt sich an einer Wand zurück und macht eine Pause
Die Wand im Rücken gibt Stabilität: Wer im Beruf mit starken Emotionen konfrontiert ist, sollte sich erst mal sammeln. Foto: Canva | FamVeld

Wie gehe ich professionell mit starken Emotionen um?

Hilfreiche Strategien können ganz unterschiedlich aussehen. „Essen hilft fast immer, aber es ist eine Gießkannenstrategie, die nicht zielgenau ist“, sagt Bechtoldt. Stattdessen sollte man individuelle Wege finden, mit Emotionen umzugehen. Bei Wut könne es sinnvoll sein, sich zu bewegen, um die starke körperliche Erregung zu senken. Bei Ängsten helfe es vielen Menschen, mit jemandem darüber zu sprechen.

Was aber tun, wenn in einem Meeting die Welle der Emotionen anrauscht? „Zuerst sollte ich mich selbst stabilisieren – körperlich und mental“, sagt Auch-Schwelk. Oft helfe es, sich hinzusetzen, beide Beine fest auf den Boden zu stellen und im Rücken möglichst eine Lehne oder die Wand zu spüren, „das gibt Stabilität“. Ein weiterer Tipp: Atmen. Und zwar bewusst und langsam. „Mental kann es helfen, sich immer wieder zu sagen: Es geht vorbei.“

Myriam Bechtoldt empfiehlt, möglichst kurz den Raum zu verlassen und einen Zwischenraum zwischen Gefühl und Reaktion entstehen zu lassen. „Handeln Sie nicht in dem Moment, in dem Sie die größte Erregung empfinden. Werden Sie erst ruhig“, rät sie. Professionalität bedeute nicht, keine Emotionen zu haben, „sondern zwischen Impuls und Handlung einen Moment der bewussten Steuerung entstehen zu lassen“, so die Psychologin. Nicht das Gefühl selbst sei das Problem, sondern der unreflektierte Umgang damit.

Wie kann ich mehr über meine Emotionen lernen?

Mit ausreichend Abstand lassen sich Emotionen analysieren: Was hat mich so emotional gemacht? Weshalb gebe ich einer bestimmten Person oder Situation so viel Macht über mich? „Man sollte wirklich dahinter schauen, was los ist. Oft haben starke Emotionen etwas mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Insbesondere wenn man an dem Ursprung arbeitet, kann grundlegende Entlastung entstehen“, sagt Auch-Schwelk. Kommt es oft zu intensiven Gefühlsausbrüchen, könne es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe zu holen.

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