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Zwei Mitarbeiter hören mit ernstem Gesicht ihrem Chef zuFoto: Canva | Studio Roman

08.10.2026 ● Sabine Meuter (dpa)

Wie gehe ich damit um, wenn der Chef Narzisst ist?

Der Chef oder die Chefin ist schwierig? Viele Beschäftigte neigen dazu, eine solche Führungskraft als narzisstisch abzustempeln. Doch das trifft es nicht immer. Wie kommt man narzisstisch veranlagten Führungskräften auf die Spur? Und gibt es Wege, besser mit ihnen zurechtzukommen? Zwei Expertinnen ordnen ein.

Was ist überhaupt Narzissmus?

"Von Narzissmus ist die Rede, wenn ein Mensch neben einer starken Selbstbezogenheit einen ausgeprägten Wunsch nach Bewunderung durch andere und zugleich ein überhöhtes Selbstbild hat", sagt Iris Gauglitz. Sie ist Professorin für Organisations- und Arbeitspsychologie mit einem Forschungsschwerpunkt auf Narzissmus an der Neoma Business School im französischen Reims.

Wobei Narzissmus ein Spektrum ist. Das heißt, es gibt keine klare Grenze zwischen "normal" und "krankhaft". Letztendlich hat jeder und jede gewisse narzisstische Züge, die aber unterschiedlich stark ausgeprägt sind. "Wir Menschen brauchen zum Beispiel eine gesunde Ichbezogenheit, um uns in der Welt behaupten zu können", sagt Marion Thiel, Coach für Persönlichkeitsentfaltung und Konfliktmanagement.

Eine Störung können nur Fachleute diagnostizieren

"Zum Problem wird Narzissmus, wenn Betroffene durch ihr Verhalten und Auftreten bei anderen Unwohlsein und Leiden auslösen", so Gauglitz. In der Arbeitswelt haben Narzissten nicht selten Führungspositionen inne, leisten Herausragendes und sind von sich selbst sehr überzeugt.

Narzissmus kann dabei problematisch sein, ohne dass eine psychische Störung vorliegt. Es kann aber auch eine klinische Diagnose vorliegen, eine sogenannte narzisstische Persönlichkeitsstörung. Entscheidend ist ein überdauerndes Muster narzisstischer Merkmale, das in verschiedenen Lebensbereichen auftritt und die betroffene Person oder ihr Umfeld deutlich beeinträchtigt. Ob eine solche Störung vorliegt, können nur entsprechend qualifizierte Fachleute beurteilen.

Woran erkenne ich, ob meine Führungskraft narzisstische Züge zeigt?

Typisch für narzisstisch veranlagte Führungskräfte im negativen Sinne sind laut Thiel die vier sogenannten E's: Egozentrik, Empfindlichkeit, Empathiemangel und Entwertung.

Sie stellen ihre eigene Person ständig in den Mittelpunkt, fordern Lob von anderen für sich selbst ein und können nicht gut damit umgehen, wenn man sie kritisiert. Sie können oder wollen sich nicht in hierarchisch unter ihnen Stehende hineinversetzen und deren Gefühle, Bedürfnisse und Nöte wahrnehmen.

Ein mögliches Warnsignal kann laut Thiel sein, wenn eine Führungskraft einen Menschen wiederholt vor anderen abwertet. Etwa, wenn eine Chefin zu einem Mitarbeiter sagt: "Ich mache das jetzt mal für dich, ich weiß ja, dass dir das schwerfällt."

Eine Führungskraft spricht mit einem Mitarbeiter
Ist meine Führungskraft ein Narzisst oder stimmt einfach die Chemie nicht? Foto: Canva | Stefan Dahl

Wenn sich alle vier E's dauerhaft zeigen

Ein Verhalten, das bei stark ausgeprägtem Narzissmus auch auftreten kann, ist laut Gauglitz etwa, wenn die Führungskraft Leistungen eines oder einer Mitarbeitenden als ihre eigenen beansprucht.

Nur wenn sich die vier sogenannten E's bei einer Führungskraft dauerhaft zeigen, ist es laut Thiel wahrscheinlich, dass sie narzisstisch veranlagt ist. Schließlich habe jeder gelegentlich einen schlechten Tag und zeige sich dann etwa wenig empathisch oder ichbezogen.

Sieht Narzissmus immer gleich aus?

In der Forschung wird häufig zwischen grandiosen (offenen) und vulnerablen (verdeckten) Ausprägungen von Narzissmus unterschieden. Dabei handelt es sich nicht um zwei klar voneinander getrennte Typen. Aber: Menschen, die offen narzisstisch veranlagt sind, sind meist etwas leichter zu erkennen. "Sie können laut, dominant, extrem selbstbewusst und charmant auftreten", sagt Gauglitz.

Sie mögen es, im Mittelpunkt zu stehen und prahlen ungefragt mit ihren Erfolgen. Sie fühlen sich anderen überlegen und haben keine Scheu, das offen zu demonstrieren. Bei Kritik reagieren sie aggressiv und arrogant.

Auch verdeckte Narzissten halten sich für "etwas Besseres"

Schwierig auszumachen ist laut Gauglitz häufig der verdeckte Narzissmus. Zwar halten sich verdeckte Narzissten ebenso wie offene Narzissten "für etwas Besseres". Sie sind aber eher introvertiert und unsicher. Sie können bei anderen Schuldgefühle erzeugen. Etwa mit Haltungen wie: "Ich habe jetzt viel zu tun, weil du ja diese oder jene Fähigkeit dir nicht aneignen willst, aber ich das kann." Oder: "Wenn du jetzt Feierabend machst, bleibt die Arbeit an mir hängen."

Was hilft im Umgang mit einer narzisstischen Führungskraft?

Von Vorteil ist es aus Sicht von Thiel, den Menschen und sein Verhalten voneinander zu trennen. "Wer also eine narzisstische Führungskraft in die Schranken weisen will, spricht über das Verhalten und nicht über den Menschen", sagt sie.

Ein Beispiel: Eine Mitarbeiterin sagt zu ihrem Chef: "Dein Verhalten gestern war für mich ungünstig, das bremst mich extrem aus. Dagegen war dein Verhalten vorgestern für mich besser – das hat mich beflügelt und meine Arbeit vorangebracht. Kannst du dich bitte künftig immer so verhalten?"

Der Trick hierbei ist laut Thiel, die narzisstische Führungskraft um Unterstützung zu bitten statt sie als Menschen anzugreifen. Eine solche Bitte werde der Narzisst erfüllen, weil er oder sie sich damit wiederum erhöht.

Man sollte sich innerhalb des Teams Verbündete suchen

Eine andere Option, um mit einer narzisstischen Führungskraft umzugehen, kann laut Gauglitz sein, negative Vorfälle zu notieren. Betroffene Beschäftigte können sich auch innerhalb des Teams oder des Unternehmens Verbündete suchen und sie fragen, wie sie mit der Führungskraft zurechtkommen.

"Empfinden mehrere das Verhalten einer Führungskraft als unangemessen, können sie sich an die nächsthöhere Ebene oder etwa an den Betriebsrat wenden", so Gauglitz.

Eine Form des Eigenschutzes kann sein, dass man sich bewusst abgrenzt. "Beschäftigte sollten immer die Hoheit über das eigene Wohlbefinden behalten und einem bestimmten Menschen, der sich negativ verhält, nicht zu viel Macht im eigenen Leben einräumen", sagt Thiel. Und der beste Eigenschutz? "Immer konsequent wertschätzend mit anderen umgehen", rät Thiel.

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